Der Bettler nervte mich

Am 27. September 2017 schrieb ich diese Geschichte zum ersten Mal. Ich war damals Mitte 20. Eigentlich wollte ich bei Penny nur ein paar Flaschen Wein kaufen. Ein bisschen Mut für meine Kumpels und mich, es war Wochenende. Wäre er da nicht gewesen, dieser Bettler.

Mit geknickten Beinen stand er da, die Hände in den Taschen, neben ihm ein Hund. Ich weiß nicht warum, aber er nervte mich. Reiß dich zusammen, sagte ich mir, du hast keine Erlaubnis wütend auf ihn zu sein.
Ich ging an ihm vorbei, schaute kurz verstohlen auf seine Schuhe. Dann ging bei Penny auch noch diese nervige Eingangsschranke langsamer auf als sonst. Ekelhaft, dachte ich, dieser Laden und alles, was dazugehört. Na klasse, ging es in meinem Kopf weiter, du verwöhnter Ökoschnösel, der du dir mit den in Filz gekleideten Ökomuttis sonst nur die Bio-Klinke in die Hand reichst. Du bist nicht nur von dem armen Bettler da draußen genervt, jetzt bist du auch noch von diesem Supermarkt angeekelt. Die Regale, die es nicht gibt. Die unglücklichen Gesichter, in die ich gucken musste. Spiegel gab es keine. Was soll’s, dachte ich. Kauf’ deinen Karton Bio-Vino und verzieh’ dich hier. Der feine Herr sah es nämlich nicht ein, für seine Halbstärke mehr als 1,99 € pro Flasche auszugeben. Genießen statt konsumieren. Schnauze. Selber Schnauze.

Vom inneren Dialog gepeinigt, beschämt die Flaschen in den Rucksack stopfend, wollte ich nur noch eins: raus hier. So wie Lucky Luke vor seinem Schatten fliehen kann. Und als wenn ich nicht schon genug Sorgen gehabt hätte, sprach mich dieser Penner auch noch an. Ob ich ein bisschen Kleingeld hätte. Einen Augenblick dauerte es, bis ich einen Teil meines Rückgrats wiedergefunden hatte und ihm in die Augen schauen konnte. Leicht gebeugt hing der Bursche eher, als dass er stand. Was hast du nur für ein Problem?, fragte ich mich selbst.
Übertrieben kramte ich in meiner linken Hosentasche. Meine rechte Hand drückte ich von außen gegen. Damit er sah, wie sehr ich mich bemühte. 3 Cent und ein Fünfer. Ich streckte dem Kerl den Schein entgegen. Vielleicht bildete ich es mir ein, aber seine Stimme wurde höher und seine Augen heller. »Daaa … Danke.«

Was sind schon 5 €?, dachte ich damals. Fünf Euro, das sind 10 Mark. Ein Bier mit ordentlich Trinkgeld. Oder eine Bio-TK-Pizza. Trink’ ich halt einen cremigen Hafer-Cappuccino weniger (Als ob). Wer den Cent nicht ehrt, ist den … ist das so? Ich bildete mir ein, dass mein Geld dem Mann damals Hoffnung geschenkt hatte.

Dann fing er an davon zu erzählen, dass er das Geld für seinen Hund brauche. Der Vierbeiner wäre schwer krank.
Nickend und wieder viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, verabschiedete ich mich von ihm und ging zu meinem Fahrrad.
Ich glaubte ihm nicht. Trotzdem wehrte ich mich gegen meine Zweifel, rief meinen Tierarzt an, fragte nach den Tabletten und holte sie ab. Wenige Tage später stand ich wieder vor dem Bettler und hielt ihm die Hundetabletten hin. Sein Gesicht noch schräger, seine Stimme noch höher: »Aaaa alter Schwede…«

Vielleicht, dachte ich damals, hatte der Kerl mehr mir geholfen als ich ihm. Vielleicht hatte er mein inneres Dilemma auf 100 Meter gerochen und mir mit »hast du ein bisschen Kleingeld?« die Hand gereicht – nicht zu sich – sondern zu mir selbst. Damit ich den Konflikt nicht gegen mich, sondern mit ihm lösen konnte.

So dachte ich damals. Der Text ging viral. Mehrere Tausend Aufrufe deutschlandweit. Liebevolle Kommentare schmierten mir Honig um die Tastatur. Doch auch andere Stimmen wurden lauter. Aussagen wie: »Mir hat der Typ gesagt, dass seine Oma krank wäre, dafür brauche er das Geld« neben Kommentaren wie »Wie kannst du diesem Penner nur Geld geben? Jedes Mal, wenn ich dort einkaufe, verprügelt er den armen Hund.«

Vielleicht habe ich es mir damals viel zu einfach gemacht. Vielleicht war die Abneigung berechtigt. Vielleicht misstraute ich ihm, weil mein Bauch seine Show durchschaut hatte. Aber warum sollte dieser Geschäftsmann keine Show abziehen dürfen, so wie andere? Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Oder es gibt sie gar nicht.

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7 Gedanken zu „Der Bettler nervte mich“

  1. Hallöchen lieber Jan,
    wundersame Story, guter Auftakt zum Wochenende,
    um wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen ‼️🙏♥️
    Weiter so‼️👍🙏♥️
    Ich freue mich schon auf die nächsten Stories 👏👍🙋‍♀️Liebe Grüße 🙏♥️

    Antworten
  2. Hallo Jan,

    sehr inspirierend- danke! Gerade in Berlin widerfahren einem solche Szenen häufig – und die Gefahr ist groß, dadurch einfach abzustumpfen. Ich drücke dir die Daumen für und freue mich schon aufs neue Buch 😉

    Marcel

    Antworten
  3. Hey Jan,
    ich weiß genau von welcher Umgebung, von welchem Laden, von welchem Menschen du schreibst. Mir ging es oft ähnlich. Generell ist ein Aufenthalt in einer Stadt für mich oft mit diesem Gefühl des inneren Zerreißen verbunden. Ich habe inzwischen gelernt meinem Bauchgefühl zu vetrauen. Und da ich oft kein Bargeld habe, verschenke ich beim guten Bauchgefühl auch mit Freude meinen grade gekauften, noch nicht angebrochenen Kaffee am Bahnsteig. Und diese als zuerst unangenehm (für beide Seiten) erahnten Situationen, können dann doch schön werden und sind mir auch lange danach noch eine schöne Erinnerung über das gemeinsame Lächeln. Ein ziemlich großes Privileg, die Person gegenüber hat sicherlich ganz andere Probleme. Das kann ich aber auch nur so empfinden, wenn ich das Gefühl habe, dass da jemand mit ziemlich viel Mut und aufrichtig zu mir kommt. Eine Endlosschleife. Und sicherlich ein Thema, was in der Öffentlichkeit viel zu wenig positive Aufmerksamkeit bekommt. Deine Geschichte ist ein Teil in diese Richtung, also danke dafür 🙂
    Liebe Grüße
    Katrin

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    • Liebe Katrin, danke für Deinen Kommentar. Ja, ich glaube, das Bauchgefühl kann (wie bei so vielem) der Schlüssel sein.
      Vergangene Woche habe ich auf so einem Supermarktparkplatz eingeparkt. Links Aldi, rechts Lidl, irgendwo dazwischen DM. Es war dunkel und ich hatte nicht sonderlich Lust auf irgendwen. Und dann sprach mich ein Obdachloser, Bettler, ich weiß nicht, was er war, an. Mit einem freundlichen, fast schon sachlichen Ausdruck fragte er mich »Hast Du Kleingeld für mich?« Ich hatte keins, sagte nein. Das Ding ist: Ich hatte keinerlei komisches Gefühl, weil der Kerl auf mich einfach aufrichtig wirkte. Er hat keine Show gemacht. Es war für ihn kein Problem, dass ich kein Geld hatte; sagte »Trotzdem Danke und schönen Abend Dir.« Ich ging zurück zum Auto, in der Mittelkonsole lagen noch 20 Cent. Dankbar, das war es, wie er auf mich wirkte. Nicht »Ich bin hier das Opfer und die Gesellschaft ist Böse«, sondern dankbar. Hab’ auf meinen Bauch gehört, ihm die 20 Cent gebracht und er war genauso freundlich zu mir wie vorher, so wie ich auch zu ihm. Bettler und Nicht-Bettler sind natürlich nur die Kulisse. Einem Kollegen, der mich beim Chef anschwärzt, helfe ich auch nicht sooo gerne ;-).

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