Ein Mann im Zug: Das war damals so

Es war schon spät. Der ICE nach München zischte. Ich stieg in den zweiten Waggon. Auf dem letzten Vierer saß ein Mann. Seine Beine ausgestreckt, die Füße auf dem Sitz. Zwischen seinen löchrigen Schuhen und dem Polster lag ein Jutebeutel. Seine blauen Jeans schimmerten bräunlich, sein Parka grün. Er trug einen Schnauzbart, das Kinn war weich rasiert. Die Haare, die unter seiner Mütze heraus sprießten, waren kraus. Wie von einer Märchenhexe. Er hätte auf der Straße leben oder ein Rockstar sein können.

Ob auf seine Vierer noch Platz wäre, fragte ich. Er schaute hoch, nickte kurz. Der Zug setzte sich in Bewegung, die Felder färbten sich schwarz.

Sein Telefon klingelte. Er ging ran:

»Nach München, mein Junge. Ja, der Herbst macht, was er will. Was meinst du? Wieso fragst du das? Hat dir das deine Mutter erzählt? Ja. Das stimmt. Das war damals, ich glaube, deine Oma und ich, wir hatten uns gerade kennengelernt. Sie hatte die schönste Stimme in ganz Berlin. Deine Mutter war schon in Omas Bauch. Ich hatte Nachtschicht. Wo? Als Türsteher. Brauchst gar nicht so zu lachen. Ich war zwar nie groß, dafür aber flink, weißt du?

Naja, da war dann jedenfalls dieses Arschloch. Der hatte bei uns Stunk gemacht. Die Mädels belästigt, wollte sein Bier nicht zahlen. So etwas konnte ich nicht leiden. Wir haben den Kerl auf die Straße gesetzt. Zwei Straßen neben dem Rosenthaler, weißt du wo? Das sah damals noch alles ein bisschen anders aus. Ja, einfach rausgeschmissen. Er wollte dann wieder rein, ich sagte nein. Dann hat er mir ins Gesicht gespuckt, seine Fäuste gehoben und zwei Schritte nach hinten gemacht. Naja und ich… Ich hab’ den Burschen einfach in seine Schranken gewiesen. Er war zäh, das muss ich ihm lassen. Als er auf dem Boden lag, ließ ich ihn in Ruhe. Ich ging zurück, Jürgen nickte mir zu. Nee, ein anderer Jürgen. Mit dem hatte ich meistens Schicht. Wie dem auch sei.

Irgendwer schrie dann, ich drehte mich um. Sah, wie der Bursche mit was in der Hand auf mich zulief. Ich hab’ ja nie Karate gemacht oder so. Aber etwas musste ich gemacht haben, wodurch das Ding aus seiner Hand flog. Dann packte ich ihn an Arm und Nacken und rammte seinen Kopf gegen die Hauswand. Das hätte vermutlich schon gereicht. Aber ich machte immer weiter. In meinem Kopf war ein Schalter gekippt. Als ich fertig war, glitt der Bursche wie ein nasser Sack aus meinen Händen. Nee, tot nicht, jedenfalls noch nicht. Die Polizei kam sofort. Jürgen wollte mich beruhigen, es war ja irgendwie Notwehr. Drei Touris sagten, sie hätten ein Messer in der Hand des Typen gesehen. Nach ein paar Monaten in U-Haft hab’ ich dann sechs Jahre bekommen. Das Messer wurde nie gefunden.

Ja. Das war damals so. Da konnte man sich noch gegenseitig auch auf die Glocke hauen, wenn man mal andere Meinung war. Ein blaues Auge, ein krummer Finger vielleicht. Mehr passierte da nicht. Und ein Messer zückte auch keiner. Bis zu diesem Tag. Ja, so war das damals. Deswegen habe ich die ersten Jahre mit deiner Mutter verpasst. Und wie es dann weiterging, weißt du ja. Was macht die Schule? Oder hast du Ferien?

Wie? Ob ich mein Leben genauso wiederholen würde? Das hatte mich Oma auch gefragt. Ja, hätte ich. Wir hatten einfach Spaß. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Spaß wir hatten. Bis zu jenem Tag. Aber eins hab’ ich wirklich falsch gemacht und das kann ich mir bis heute nicht richtig verzeihen. Ich hätte mich bei dem Burschen entschuldigen müssen. Doch, doch. Ja, schon. Aber nachdem ich ihn das erste Mal an die Wand geschmissen hatte, war er vermutlich schon ohnmächtig. Ich hab’ nicht aufgehört. Scheiße rechtfertigt keine Scheiße. Nein, ich hab’ ihn nicht noch mal getroffen. Jürgen meinte nur, der Typ würde sein Essen nur noch durch einen Strohhalm schlürfen und mit alleine Arsch abwischen wäre da auch nichts mehr.«

Nach dem Telefonat.

Der Mann legte sein Handy auf den kleinen Tisch, drehte es parallel zum Fenster. Tippte mit den Fingern der einen Hand auf den Handrücken der anderen. Wie ein kleiner Opa. Er war ein kleiner Opa. Wir kamen ins Gespräch. Plauderten über Politik, über Staatsoberhäupter. Die, die regierten, bevor ich geboren wurde. Wir sprachen über links, über rechts. Über das Richtige, das es nie zu geben scheint. Immer wieder sagte er: »Wenn ich ehrlich bin, ich weiß es nicht.«

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